Dirk Schmalenbach

Das Lächeln Gottes

oder

Liebe wird niemals den Atem verliern


Aus meiner Sicht:

Die Geschichte der Gruppe EDEN 1972 - 1984

Die Anfänge der „Freien Christlichen Jugendgemeinschaft“


Stand: 20. Juni 2016


Anstelle eines Vorwortes

Westfälische Rundschau am 8.6.1971

„Guten Morgen!

Kalle registriert es mit Vergnügen: Während selbst in den Hippie-Zentren von London, Amsterdam, Paris superlange Haare längst nicht mehr modern sind, nimmt das kleine Heer der Wuschelköpfe in Lüdenscheid immer stärker zu. Im Freibad ist die Aufforderung an Damen, eine Bademütze zu benutzen, seit längerem auf einen größeren Personenkreis ausgeweitet worden: „Besucher“ mit langen Haaren sollen das Badekäppchen aufsetzen. Und so sind wuschelige Jungmänner mit bunten Damenmützchen am Nattenberg keine Seltenheit mehr.

Wer sich an den Treffpunkten alter Opas umhört, erfährt, daß die „Oldtimer“ von ganz besonderen Sorgen geplagt werden: geschichtlich oft bewandert, befürchten sie eine neue Läuseinvasion angesichts der vielen langen Mähnen. Denn vor Jahrhunderten, als man sich noch in der Regentonne wusch und kunstvolle Perücken trug, gehörten die Läuse ins Langhaar wie heutzutage der Fernseher in das Wohnzimmer.

Interessante Erfahrungen sammelte man mit langen Mähnen auch bei Lüdenscheids Stadtwerken. Ein junger Student mit schulterlangem Blondhaar wurde während seiner Semesterferien eingestellt und gleich damit beauftragt, in einem bestimmten Bezirk die Zähler abzulesen. Der junge Mann war eifrig und zu jedermann freundlich bei der Sache. Dennoch häuften sich bei den Stadtwerken die Beschwerde über ihn. Nicht, daß man ihm die lange Mähne mißgönnt oder gleich nach dem Friseur gerufen hätte. Die Beschwerden hatten immer das gleiche Echo: „Der junge Mann ist zwar sehr nett, aber unsere Kinder haben Angst vor ihm, seine Haare sind so lang, daß sie stets an ein Gespenst denken, wenn er auftaucht.“

Die Stadtwerke dachten an die kleinen Kinder und versetzten den Langhaarstudent in den Innendienst. Denkbar wäre es nun, daß bald auch Kindergärten eine Bannzone für junge Mähnenverehrer einrichten. Denn die Kindlein sollen ja ohne Furcht aufwachsen. Übrigens trägt auch Pilzkopf-Erfinder John Lennon längst einen strammen „Igel“ als Haupthaar, wagt noch anzumerken - Kalle.“

Nun ja. Um wen mag es sich hier bloß gehandelt haben? Sie haben es sicher schon geahnt: Um den Verfasser dieser Zeilen. Wie war es nur dazu gekommen? Was war passiert?

 

Lüdenscheid. Was will man mehr...

Irgendwie hat es das Schicksal geschafft, dass meine Mutter (gebürtige Berlinerin) und mein Vater (gebürtiger Lüdenscheider) sich Anfang der vierziger Jahre in der Reichshauptstadt begegneten und dann in Lüdenscheid sesshaft wurden. Sie heirateten 1943. Als ich diese Zeilen schrieb (2008), lebten sie immer noch in Lüdenscheid und waren 65 (in Worten: fünfundsechzig) Jahre verheiratet. Meine Mutter hat später mal aufgeschrieben, wie sie 1945 von Berlin nach Lüdenscheid flüchteten. Das kann man hier nachlesen: Nachwehen.

Mit aus Berlin war meine Großmutter Lina Berke gekommen, eine echte Großstadtpflanze mit Berliner Schnauze. Meine Güte, was habe ich diese Frau geliebt. Mit ihr hab ich mein erstes Bier getrunken und meine erste Zigarette geraucht. Ihren Mann, meinen Opa, habe ich leider nie kennen gelernt. In den allerletzten Tagen des Krieges ging er vor die Haustür, um sich eine Zigarette anzuzünden. Schräg gegenüber lag noch ein Russe im Graben. Der brauchte nur einen einzigen Schuss.

Die Liebe zur Großstadtkultur ist mir somit mütterlicherseits in die Wiege gelegt worden. Würde ich allerdings heute in solch einer Stadt wie Berlin wohnen, wäre ich innerhalb weniger Wochen pleite. Ich säße nur in der Oper, im Konzert oder im Theater. Heute sitze ich in einem 1000-Einwohner-Dörfchen. Ist billiger.

 

Mitte der Sechziger

Eine ganze Generation befindet sich im Aufbruch. Sie sehnt sich nach Freiheit, Frieden und Liebe und ist auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen. Die Beatles werden bekannt und überraschen mit einer völlig neuen Art von Musik, in der man sich mit seinem Lebensgefühl wieder findet. Fast ausnahmslos eifern Jugendliche den bekannten Musikgruppen nach und spielen Gitarre, Bass, Orgel oder Schlagzeug.

Eine der ersten erfolgreichen Bands in Nordrhein-Westfalen sind „The Starfighters“. Die Massen (und die Mädchen) sind begeistert. Das Geld fließt, nicht weniger der Alkohol. Schließlich braucht man einen Kick, und schon bald kreisen die ersten Joints. LSD wird entdeckt. Auch die Musik entwickelt sich in die psychedelische Ecke. Viele beschäftigen sich mit dem Übersinnlichen, Okkulten, mit Mystischen und Zauberei. Und man macht zahlreiche parapsychologische Experimente.

 

Anfang der Siebziger

Die „Starfighters“ geben sich – nach dem Freiheitskämpfer aus Gogols gleichnamigen Prosastück – einen neuen Namen: „Taras-Bulba-Clan“ (TBC). Konsequent steigt man aus der „normalen“ Gesellschaft aus. Die Bandmitglieder tun sich zu einer Kommune zusammen und beschließen, nur noch Musik zu machen. Ende 1972 mietet man für 170 DM monatlich einen alten Bauernhof in Eininghausen (Nähe Herford) an. Hier wohnen in den Anfangstagen Michael (Mike) Claren (Bass) mit seiner Frau Jolie, Michael (Heinz) Dierks (Keyboards) und Dirk Schmalenbach (E-Violine und Keyboards).

Mike und Jolie hatten kurz vorher auf Gibraltar geheiratet. Klar, im selben Standesamt wie John Lennon und Yoko Ono. Jolie kam aus Amerika und hatte von ihren Eltern 15.000 DM (natürlich in Dollars) zur Hochzeit bekommen. Davon wurde die erste Anlage gekauft. Wenig später zieht auch Armin Dressler (Drums) mit seiner Familie in Eininghausen ein und schließlich auch Hans Fritzsch (Gitarre) mit seiner Frau. Damit ist die Band vorerst einmal komplett. Keiner geht arbeiten, es wird den ganzen Tag Musik gemacht und geredet.

 

Der Beginn der Jesus-People-Bewegung

In dieser Zeit schwappt die Jesus-People-Bewegung aus Amerika nach Europa über. Die ganze Kommune, die ja schon immer einen ganz besonderen Hang zum Mystischen hatte, ist begeistert. Hier ist auf einmal etwas ganz Neues, völlig außerhalb der traditionellen Kirchen. Nie gedachte Gedanken stehen im Raum: War Jesus nicht auch jemand, der übersinnliche Kräfte besaß? Allerdings, und das muss jeder in der Kommune unumwunden zugeben, hat er seine Fähigkeiten immer eingesetzt, um anderen zu helfen. Und hat er nicht sogar gesagt, dass alle, die ihm nachfolgen, noch größere Dingen tun werden als er?

 

Eininghausen

Anfang 1973. Es sind denkwürdige Tage damals in Eininghausen (der Link führt zu Google-Maps). Auf einmal steht ein Buch im Mittelpunkt, das man so gar nicht in einer Kommune vermuten würde: Die Bibel! Täglich wird darin gelesen, täglich gibt es neue Erkenntnisse. Schnell wird klar: Hier geht es irgendwie um einen Kampf zwischen Gut und Böse. Und offenbar braucht man, um im Sinne dieses Jesus zu handeln, den Geist Gottes, diesen „Heiligen Geist“, wie ihn die Bibel nennt. Also Schluss mit dem ganzen Drogenkram, Schluss mit okkulten Experimenten und Zauberei.

Zigaretten und Drogen, ja, sogar bestimmte Langspielplatten und Bücher landen auf dem Müll. Darunter damals auch „Der Herr der Ringe“ von Tolkien. Und dann wird ausgetestet, was Jesus gesagt hat. „Sehet hin auf die Vögel des Himmels, dass sie nicht säen noch ernten, noch in Scheunen sammeln, und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr nicht viel vorzüglicher als sie? ... Trachtet aber zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, und dies alles wird euch hinzugefügt werden. So seid nun nicht besorgt um den morgigen Tag, denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen.“ (Matthäus, Kapitel 6)

Und siehe da, es funktioniert! Die Kommune ist bis Ende 1973 auf über fünfundzwanzig Erwachsene und Kinder angewachsen, viele Freunde sind dazugekommen. Aber niemand geht einer geregelten Arbeit nach. Alle haben nur eines im Kopf: Anderen, die auch nach Wahrheit suchen, von der Bibel zu erzählen und sie einzuladen: „Komm doch mal bei uns vorbei, dann wirst du sehen, dass man sich auf Gott verlassen kann!“

 

Musik, Musik, Musik

Nach wie vor wird natürlich mehrere Stunden am Tag Musik gemacht. Aber hier geht es genauso zu wie wie auch sonst. Nichts wird festgelegt, es werden keine Musikstücke komponiert, keine Texte geschrieben. Es wird einfach angefangen. Wenn Gott da ist, kann er ja schließlich auch für die richtigen Töne und Texte sorgen. Also: „Nehmen wir heute mal a-moll. Ab geht's!“ Und auch das funktioniert. Weil man schon ewig miteinander Musik gemacht hat und jeder den anderen wirklich gut kennt, kann man glatt eine halbe Stunde lang improvisieren. Und kaum einer, der da zugehört hat, hätte hinterher behauptet, dass das nicht irgendwie komponiert war. Und so spielte die Band sogar in Jugendzentren und bei Konzerten. Ziemlich stressfrei war das. Alles war sowieso jedes Mal anders, und keiner brauchte sich etwas zu merken.

 

Truth By Christ

Natürlich konnte man sich jetzt nicht mehr „Taras-Bulba-Clan“ nennen. Was war zu tun? Manches Hemd und manche Hose (wurde alles natürlich selbst genäht) war schon bestickt mit den Initialen TBC. Was konnte man daraus machen? Mike hatte den richtigen Einfall: „Truth By Christ“! Das war's. Die Buchstaben auf Armins Schlagzeug konnten bleiben.

So langsam wird die Frage aufgekommen sein, wovon diese Kommune denn nun eigentlich wirklich lebte, woher das Essen und das Geld kam. Immerhin waren ja auch kleine Kinder dabei! Nun, mittlerweile war „Eininghausen“ in ganz Deutschland unter den Jesus-Freaks zum Begriff geworden. In Berlin entstand damals mit Volkhardt Spitzer am Nollendorfplatz die erste richtige Jesus-People-Gemeinde aus alt und jung. Man besuchte sich natürlich gegenseitig. Ich erinnere mich an Wochenenden, an denen über 150 Leute bei uns waren! Viele brachten etwas zu Essen mit, andere ließen Geld da. Und wenn mal keiner kam, aßen wir eben trockene Kartoffeln oder so. Einmal haben wir ein paar Wochen nur von Kirschen gelebt, ein anderes mal von Pilzen. Krank war in der gesamten Kommunenzeit nie jemand.

 

Die Konkurrenz

Übrigens gab es damals eine ganz schön heftige Konkurrenz für uns Jesus-Freaks. Das waren nämlich die Anhänger jedweder Indien-Fraktion, ob der Chef nun Bhagwan, Maharishi oder wie auch immer hieß. Viele davon waren Freunde und gingen lange Zeit bei uns ein und aus. Nach und nach wurden die Erkenntnisse auf beiden Seiten aber immer größer und man merkte, dass die Dinge nicht so ohne weiteres zusammenliefen. Schließlich hatte Jesus gesagt: „Ich bin der Weg.“ Ich erinnere mich gut, wie wir später in Bielefeld (damals eine Bhagwan-Hochburg) einmal ein ganzes Haus dieser Jünger „freigebetet“ haben. Einige Tage später wurde das Gebäude abgerissen. Die hassten uns für so was.

 

Versuch bei der CBS

In den siebziger Jahren experimentieren viele Musikgruppen mit Elementen fernöstlicher Musik, mit Jazz und afrikanischen Einflüssen. Wir sind überzeugt, dass unsere Musik genau in diesen Rahmen passt, nehmen einige unserer zwanzig- bis dreißigminütigen Sessions auf Tonband auf und fahren damit (natürlich ohne Voranmeldung) nach Frankfurt zu CBS, um einen Plattenvertrag zu bekommen. Damals war der Andrang wohl noch nicht so groß wie heute – wir kommen bis in die Chefetage! Dort war man sich einig, dass wir durchaus Markt-Chancen hätten, aber man hätte dann doch gerne etwas kürzere, ein bisschen mehr komponierte Stücke. Als wir wieder in Eininghausen sind, versuchen wir, Lieder zu schreiben. Leider erweist sich das zur damaligen Zeit sehr schnell als unmöglich. Keiner konnte sich mehr als sechzehn Takte merken, so sehr waren alle ans Improvisieren gewöhnt. Komponieren und Texte schreiben mussten wir erst wieder lernen…

 

Eininghausen - Paris - New York...

Eininghausen! Das war das totale Kaff, ein paar hundert Einwohner. Wir waren natürlich immer die Dorf-Sensation, jedem Besucher wurde unser Haus am Dorfausgang nach Preußisch-Oldendorf gezeigt. Das lohnte sich natürlich nur nach unserem Frühstück, so etwa um 16 Uhr, wenn die Kommune zum Leben erwacht war. Wir spielten in den Jugendzentren und Schulaulen von Lübbecke bis Minden, von Bielefeld bis Herford. Armin hatte allerdings immer etwas größere Vorstellungen: „London, Paris, New York, Tokio - das ist es, da müssen wir hin!“ Die Antwort darauf erledigte sich von selbst, als wir unsere kleine Anlage (erst viel später sagte man PA) anschauten. Die würde für so was nie ausreichen.

Eine viel größere musste also her, mit neuen Instrumenten, die damals auf den Markt kamen: Fender-Rhodes, Mellotron, die ersten Synthesizer von Moog und ARP, eine große Bassanlage von Ampeg, Gitarrenverstärker und natürlich gewaltige PA-Boxen mit einem Riesenmischpult. Also Zettel her und aufgeschrieben – summa summarum brauchten wir 80.000 DM bar auf die Hand. In dem Augenblick war allen schlagartig klar, dass wir um diese Summe beten mussten, damit Gott uns das Geld schenkt. Das aber würde er natürlich nur tun, wenn wir die alte Anlage vorher an Bedürftige verschenken. Die Gelegenheit ergab sich stante pede: Im Nachbardorf Börninghausen hatten Musiker-Freunde von uns ebenfalls eine Kommune gegründet, ebenfalls mit dem festen Vorhaben, für Gott Musik zu machen. Sie hatten aber keine Anlage! Jeder kann sich denken, was geschah...


80.000 DM

(Beim Schreiben dieses Absatzes hat mich Michael Dierks unterstützt. Vielen Dank, Michael!)

Da saßen wir nun, ohne Anlage, aber mit dem festen Wissen, einen Missionsauftrag zu haben und dafür von Gott mit dem nötigen Werkzeug ausgestattet zu werden, das nun mal 80.000 DM kostete. Jedem Besucher wurde davon erzählt, und Armin und Mike (Claren) machten öfter mal Rundreisen durchs Land, um auch dort unser Gebetsanliegen bekannt zu machen.

Und eines Tages war es soweit. Michael (Dierks) und Armin fuhren nach Siegburg, um einen alten Kumpel abzuholen, der dort einige Zeit auf Staatskosten gelebt hatte. Unterwegs kam Michael der Gedanke, einen Abstecher nach Düsseldorf zu machen, wo Hans und Erika wohnten. Die hatten er und Mike vor Zeiten auf Formentera kennen gelernt, als sie spätabends mit ihrem Sohn Boris vor einem überbuchten Hotel standen und keinen Schlafplatz fanden. Damals hatten sie ihnen ihre Betten überlassen. Hans und Erika hatten in der Düsseldorfer Altstadt den Ratinger Hof gepachtet, eine allseits bekannte Szenenkneipe.

Obwohl es ein Freitagabend war, war der Laden geschlossen. Es brannte jedoch Licht, sie klopften und Hans öffnete, er war alleine. Es gab Beziehungs- und Drogenprobleme, und er sah keine Perspektive mehr. Armin und Michael erzählten ihm von uns und boten an, mal eine Weile mit seiner Frau zu uns zu kommen, was sie kurze Zeit später zu Weihnachten auch taten (sie hatten übrigens vorher in der METRO eingekauft und brachten ein Riesen-Fresspaket mit). Es wurde ihnen schnell klar, dass sie bei uns bleiben wollten und ihren Laden nicht mehr brauchten. Was soll man sagen? Es fand sich eine Käuferin, die exakt 80.000 DM dafür bezahlte, und Erika und Hans gaben uns ALLES. Unfassbar, aber wahr. Der Ratinger Hof wurde übrigens kurz danach die Geburtsstätte der „Toten Hosen“ und der Deutschen Punkszene.

 

Einkaufen auf der Musikmesse

Gerade zu der Zeit war die Musikmesse in Frankfurt. Also wurde ein VW-Bus fit gemacht (wir hatten zwei, allerdings nur einen Motor) und hingefahren. Keiner von uns hatte eine Ahnung, wie so eine Messe überhaupt funktionierte und dass man da gar nichts kaufen konnte. Aber egal, wir gingen durch die Hallen und guckten uns erst einmal alle Mischpulte an. Damals entstanden die ersten PA-Anlagen, meistens noch mit Röhren. Als wir einmal rundgegangen waren, ging‘s zurück zum größten Pult bei der holländischen Firma D&R. Dort orderten wir alle Endstufen, die Instrumente und das Riesenpult. Nur der damals sehr bekannte Piratensender Radio Veronika hatte noch so eines. Wie wir zu der Zeit aussahen, kann man sich sicher denken. Deshalb mussten wir natürlich Bares zeigen bzw. anzahlen, aber das Geschäft war perfekt. Abzuholen in Holland wenige Wochen später.

Leider verkaufte die Firma D&R keine Boxen. Und so große, wie wir sie uns vorstellten, gab es sowieso zu der Zeit noch nicht. Über Umwegen lernten wir aber Peter Lang, Techniker der damals sehr bekannten Gruppe „Kraftwerk“ kennen, die auch mit Conny Plank zusammen gearbeitet hatten. Der wohnte in Swisttal-Heimerzheim bei Köln und baute alles, was man wollte. Sofern man das Geld dazu hatte. Aber das war ja kein Problem. Alles wurde also bestellt.

 

Boxen, aber was für welche!

Ich kürze die Geschichte hier sehr ab, die ein paar Wochen später geschah. Wir wollten die Boxen mit unserem neuen LKW abholen und mussten feststellen, dass sie schlichtweg nicht in den Wagen passten. Ich erinnere mich an Maße, die so in etwa bei 5,00 mal 2,50 mal 1,50 Meter lagen. Man konnte hineingehen und sie gerade mal mit sechs Leuten von der Stelle bewegen. Peter hatte die Ungetüme auf dem Heuboden seiner Eltern gebaut, sie nach vielen Tagen der Fertigung auch gleich mitten in der Nacht dort ausprobiert, hatte es daraufhin umgehend mit der Polizei zu tun bekommen und durfte die Dinger fortan nicht mehr anschließen. Wir haben sie also nie gehört! Hans und Erika aus Düsseldorf hatten noch Kontakt zur dortigen Jesus-Gemeinde. Irgendwie gelangten die Boxen später dorthin und wurden an Ort und Stelle zersägt. Man machte einfach sechs kleine daraus.

 

Und tschüss...

Und dann geschah das Unfassbare. Als die Anlage endlich da war und die große Mission endlich hätte losgehen können, trennte sich die Gruppe. Immer hatte es doch noch zwei Lager in der Kommune gegeben. Die einen wollten konsequent den Weg der Bibel gehen, so wie sie ihn begriffen: nämlich ohne Alkohol, ohne Rauchen und ähnliche „fleischliche“ Genüsse. Die andere Seite sah die Angelegenheit erheblich lockerer und rauchte auch hin und wieder mal noch einen Joint, Zigaretten sowieso. Das Evangelium verkündigen wollte natürlich jeder.

Ich muss heute noch mehr als schmunzeln, wenn ich daran denke, wie zu Pfingsten 1974 Mike an die Wohnzimmertür das Schild hängte: „Pfingstgottesdienst um 18.00 Uhr“. Es dauerte nur wenige Minuten, da hing an Armins Tür das Schild: „Pfingsttanz bei Dresslers, 18.15 Uhr“. Übrigens, Armin war und ist ein grandioser Drummer. Leider hat es sich nicht ergeben, dass er auf den EDEN-Alben mitspielt.


Exodus nach Lüdenscheid

Es kam also die Zeit, dass die Spannungen innerhalb der Kommune so groß wurden, dass der „geistlichere“ Teil der Gruppe auszog. Lüdenscheid im Sauerland, am Rande des Ruhrgebietes, war unsere gemeinsame Heimat, dort hatten wir uns alle kennen gelernt. Also zogen Mike, Hans und ich dorthin mit dem festen Vorhaben, irgendetwas für Gott zu tun. Musik war erst einmal passé. Oberstes Ziel war es für uns, Drogenabhängigen zu helfen und ihnen eine neue Heimat zu bieten. Mike übernahm einen kleinen christlichen Buchladen in Lüdenscheids Loher Straße, während ich mich ein paar Monate mit dem Studium der Betriebswissenschaft(!) in Münster herumschlug. In jeder freien Stunde aber waren wir gemeinsam unterwegs in der Lüdenscheider Szene. Hans, unser Gitarrist, hatte damals eine Kneipe, das Malkästchen. Hier traf man sich zu niemals enden wollenden Diskussionen über Gott, den Sinn des Lebens und Jesus.

Mike, der mit Jolie und seinen vier Kindern über seinem kleinen Buchladen wohnte, hatte schon bald den ersten Drogenabhängigen bei sich aufgenommen. Bald folgten weitere zwei. Jeden Samstagabend trafen wir uns in seinem Buchladen mit allen, die irgendwie Interesse an unseren Ansichten zeigten. Uns wurde immer klarer: Wir brauchen ein richtig großes Haus, in dem wir Drogenabhängige aufnehmen und betreuen können. Dafür würden wir einen gemeinnützigen Verein gründen müssen, um Spendenquittungen ausstellen zu können. Aber: Wer würde uns Geld spenden? Die kleine, sehr fromme Christengemeinde, der wir uns angeschlossen hatten, wäre dazu niemals in der Lage gewesen. Aber ein bisschen Erfahrung hatten wir ja seinerzeit schon mal mit den 80.000 DM gesammelt...

 

Der Wiedenhof

Eines Tages fuhr ich mit Mike durch Lüdenscheid. Ich hatte immer noch keinen Führerschein. Sorry, Mike, aber das Autofahren mit Dir ging entweder nur mit Augen zu oder mit ganz viel Gebet. Wahrscheinlich tat ich gerade beides, als Mike schrie: „Da, da, das ist es!“ Ich öffnete meine Augen, und siehe: Da stand der Wiedenhof (Link zu Google-Maps). Das war ein ehemaliges christliches Hospiz in Bahnhofsnähe und gehörte der evangelischen Kirchengemeinde Lüdenscheid. Denen war allerdings die Unterhaltung zu teuer geworden und das Haus stand zum Verkauf. Ein Bordellbesitzer aus Hagen hatte bereits sein Interesse bekundet…

Ich sagte zu Mike, was ich oft in solchen Fällen zu sagen pflegte: „Du hast sie ja nicht alle.“ Schließlich war ich der Kassenwart, und wir hatten so ungefähr 250 DM in der Kasse. Ich war immer der Bremser in solchen Angelegenheiten. „Weißt Du, was das kostet, allein schon an Nebenkosten?“ Mike erklärte mir zum tausendsten Mal das mit den Vögeln unter dem Himmel. Was sollte ich daraufhin sagen?

Wir machten einen Termin beim Kreiskirchenamt. Man hatte sogar schon von uns gehört und war sehr freundlich. „Wir machen Ihnen folgenden Vorschlag: Sie kriegen den Wiedenhof ohne Miete! Allerdings müssen Sie und Ihr Verein aufkommen für alle Unterhaltskosten, alles, was so im Monat und Jahr anfällt.“ Auf meine zaghafte Frage, wie viel das denn inklusive Heizkosten usw. monatlich wäre, kam die Antwort: „Na ja, so in etwa 10.000 DM.“ Und in der Kasse so ungefähr 250 Mark. Überflüssig zu sagen, das für Mike die Sache klar war. Mit einem Lächeln, wie nur er es aufsetzen kann, wurde die Sache besiegelt.

Anfang 1976 zogen wir dann in das Hospiz ein, das fortan „Haus Wiedenhof“ hieß. Es dauerte wenige Tage, da kam die erste Spende: 10.500 DM von der Kreuzkirchengemeinde Lüdenscheid. Nennt man so etwas Wunder? Wir nannten es so. Bald war das Haus voll und die Rehabilitations-Arbeit lief auf Hochtouren.


Die Gründung der Freien Christlichen Jugendgemeinschaft e.V. (FCJG)

23. Februar 1976. Der Verein wird offiziell beim Amtsgericht Lüdenscheid eingetragen. Er nannte sich „Freie christliche Jugendgemeinschaft e.V.“ (FCJG) und war absolut überkonfessionell. Mike war erster, Hans zweiter Vorsitzender, ein Freund von uns, Dirk Lüling, wurde Schriftführer (weil er Lehrer war) und ich Kassenwart (wegen der BWL). Unter „Bilder“ finden Sie ganz unten einen Auszug aus dem Vereinsregister des Amtsgerichts Lüdenscheid.

Aber können Musiker aufhören, Musiker zu sein? Für die Umrahmung von Gottesdiensten wird wieder eine Gruppe gegründet, eigentlich ein Chor mit Keyboard- und Gitarrenbegleitung. Man nennt sich „Lebendiges Wasser“.

 

EDEN wird gegründet

1977. Der Traum wird wieder geträumt. Denen, die keine Hoffnung und keinen Plan mehr haben, muss doch gesagt werden, welche Möglichkeiten das Leben bietet! Und was ist dafür besser geeignet als Musik. Im Wiedenhof trifft sich die Gruppe wieder, die alte Anlage wird herbeigeschafft und man beginnt zu üben. Wir wählen einen neuen Gruppennamen: EDEN wird gegründet. Alle außer Armin wohnen jetzt im Wiedenhof. Denn der rauchte ja noch, war in Eininghausen geblieben und hatte dort seine eigene Reha-Arbeit eröffnet. Armin wurde ab sofort vertreten durch Hans Müller aus Herford. Hans wird auf allen EDEN-Alben spielen.

Erste Studio-Erfahrung wird gesammelt bei einer Aufnahme mit „Jugend mit einer Mission“ (diese Namen!) aus Hurlach in Bayern. Die Aufnahme findet statt 1977 im Hermann-Schulte-Wetzlar-Studio mit Dieter Spahn als Tontechniker. Dieses eine Mal ist Armin dabei, weil es ja keine EDEN-Aufnahme ist. In diesen Jahren kommt auch ein Herr namens Klaus Gerth als Geschäftsführer in den „Hermann-Schulte-Verlag“, der mittlerweile tiefrote Zahlen schreibt. Er bringt solche Bücher wie „Alter Planet Erde wohin“ von Hal Lindsey heraus und der Verlag ist saniert. Ein paar Jahre später gehört er ihm und heißt bald darauf „Verlag Schulte und Gerth“. Mit dem Buch „Feuerflut“ wurde noch einmal nachgelegt. Und dann schreibt Klaus Gerth sogar noch selbst ein Buch: „Der Antichrist kommt. Die 80er Jahre - Galgenfrist der Menschheit“. Vorwort von seinem Freund Hal Lindsay.

Von dem Inferno, das man uns damals vorausgesagt hat, ist allerdings Gott sei Dank nichts eingetroffen. Hier lohnt ein Blick auf 5. Mose 18, Vers 22: „Wenn der Prophet redet in dem Namen des HERRN und es wird nichts daraus und es tritt nicht ein, dann ist das ein Wort, das der HERR nicht geredet hat. Der Prophet hat's aus Vermessenheit geredet; darum scheue dich nicht vor ihm.“ Klingt plausibel...

 

Erstes Album: Erwartung

1978. Wir wollen endlich eine EDEN-Platte machen. Ich fahre nach Wetzlar, rede mit Klaus Gerth. Kein Problem! Vereinbartes Budget für das Album: 25.000 DM. Wir üben, üben, üben. Das erste Album heißt „Erwartung“ und hat nur vier (!) Stücke: Spätregen, Erwartung, Eden (Teil 1, Teil 2 - wegen der A- und B-Seite) und Ein anderes Land. Trotzdem ist es fast 50 Minuten lang. Wir nehmen es auf in den Dierks-Studios bei Köln. Dabei ist auch unser Freund Markus Egger aus Hannover von der Band „Semaja“, der zur selben Zeit mit uns ein Solo-Album macht. Wie gerne hätten wir ihn immer als Lead-Sänger gehabt! Heute ist Markus Leiter der Intermission in Hannover. Am Schlagzeug spielte Hans Müller aus Herford.

 

Zweites Album: Perelandra

1980. Das zweite Album steht ins Haus. Damals konnte man die ersten 8-Spur-Maschinen kaufen, und wir bauten uns im Wiedenhof ein kleines Studio aus zum Üben und zum Vorbereiten auf das nächste Album. Es sprach sich im Sauerland herum wie ein Lauffeuer, dass wir dieses kleine Studio hatten. Immer öfter kamen Anfragen: „Hey, ihr habt doch so‘n Studio, können wir bei euch nicht mal Demo-Aufnahmen machen?“ Aber keiner von uns wollte sich damals so richtig hinters Pult setzen. Nun gut, also übernahm ich schließlich den Job und wurde Tontechniker. Meine erste LP war mit Ruthild und Cornelia Eicker! EDEN spielte die Playbacks ein. Und auch dieses Mal ist Armin dabei, weil es ja keine EDEN-Aufnahme ist.

Ein Freund besucht mich, heute Professor der Physik. Es ist Martin Lüling, ein Cousin unseres Schriftführers. „Du,“ sagt er und legt mir ein Buch vor die Nase, „das musst Du einfach mal lesen.“ Ich sehe: C.S.Lewis, und das Buch hat den merkwürdigen Namen „Perelandra“. „Was soll das denn sein,“ sage ich, „Science-Fiction? Sowas haben wir früher verbrannt!“ Geduldig erklärt mir Martin, dass Lewis bekennender Christ ist, aber auch ein enger Freund von Tolkien, durch den der sich bekehrt hat. „Sieh mal an,“ denke ich, „der hat doch den Herrn der Ringe geschrieben.“ Ich hatte diese Bücher bis dahin nie gelesen. Aber jetzt nehme ich mir die Trilogy von Lewis vor, zu der „Perelandra“ gehört. Ich bin begeistert. Jemand schrieb einmal: Hier werden endlich einmal geistliche Wahrheiten in einer Art und Weise ausgedrückt, die viele Menschen tief im Inneren treffen und verändern kann. Der Name unseres zweiten EDEN-Albums steht fest. Alle sind im C.S.Lewis-Fieber.

Perelandra! Außer an meinem späteren ersten Yavanna-Album habe ich mit keiner Platte so herumexperimentiert wie mit dieser Scheibe. Wir sagten uns damals: Ehe wir wieder 25.000 DM für ein anderes Studio ausgeben, stecken wir es lieber in unser eigenes. Eine 16-Spur-Maschine wurde angeschafft und ein paar neue Instrumente. Wenn ich heute dieses Album höre, weiß ich zum Teil wirklich nicht mehr, wie manche Sounds zustande kamen. Innerhalb der christlichen Szene war Perelandra ein Meilenstein, sowohl von der Musik als auch vom Text her. Ein Satz von Lewis prägt mich ganz besonders: „Verdunkeltem Geist scheint Erschaffenes planlos, weil da mehr Pläne sind, als er sucht.“ Was ist das für eine Aussage gegenüber manchen christlichen Inhalten, die gerade heute so inflationär und platt daherkommen. Allerdings bin ich sicher, dass kein sogenannter christlicher Verlag in Deutschland heute den Mut hätte, ein ähnliches Album zu veröffentlichen.

1978 und 1979 sind die Jahre der EDEN-Konzerte. Die finden zwar nicht in New York, Paris oder Tokio statt, aber immerhin in ganz Deutschland einschließlich Berlin. Heute kann sich kaum jemand mehr vorstellen, mit welcher Vehemenz damals in manchen so genannten „christlichen“ Kreisen darüber gestritten wurde, ob zum Beispiel ein Schlagzeug überhaupt gottgewollt ist und nicht dem Teufel zugeordnet werden muss. Oder doch?

 

Eine von vielen Geschichten

Eine kleine Anekdote muss ich hier einfach erzählen, und die ist wirklich wahr, glaubt es mir. Wir bekamen eines Tages einen Anruf aus Düsseldorf. Der Leiter der dort ansässigen Israel-Mission lud uns zu einer großen Konferenz nach Karlsruhe ein, um den musikalischen Rahmen zu gestalteten. Da ich eine ungefähre Ahnung hatte, was wir dort für ein Publikum vorfinden würden, versuchte ich ihm vorsichtig zu erklären, dass wir nicht nur mit zwei Western-Gitarren auftreten, sondern dass es bei unserer Musik richtig zu Sache ging. „Das ist doch nichts für eure Leute,“ sagte ich ihm, „das ist doch viel zu laut für die. Und dann gibt‘s doch nur Ärger.“ Es ging ein paar Mal hin und her, dann erklärte er mir kategorisch: „Bruder Schmalenbach, wenn mir der Herr zeigt, dass ihr da auftreten sollt, dann tretet ihr da auf!“ Was soll man dazu sagen? Also, auf nach Karlsruhe. Im Gepäck unsere für damalige Zeiten riesige Anlage.

Als ich die Leute im Saal sah, waren meine schlimmsten Befürchtungen im Nu bestätigt. Keiner jünger als sechzig und alle im schwarzen Anzug. Erste Gedanken kamen auf, tatsächlich zwei Klampfen rauszuholen und alles andere im LKW zu lassen. Aber die Zweifel wurden sofort wieder vom Bruder S. aus Düsseldorf zunichte gemacht. Schließlich hatte Gott ihm gezeigt, dass...

Ich sagte zu Michael Wirth, der das Mischpult bediente: „Mach bloß halbe Lautstärke, sonst kommst Du hier nicht ungeschoren raus.“ Dann begannen wir mit unserem ältesten Song überhaupt: „Die Klagelieder des Jeremia“. Der war noch einer der harmlosen, hatte einen wörtlichen Bibeltext und handelte vom Volk Israel. Eigentlich ziemlich passend.

Ich weiß nicht mehr, wie viele Takte von diesem für EDEN typischen Zehn-Minuten-Stück vergangen waren. Aber ich sehe es noch heute vor mir: Plötzlich, mitten im Lied, standen zwei, drei Reihen schwarz gekleideter Männer zwischen siebzig und einhundertzwanzig Jahren auf und begannen lauter und lauter zu skandieren: „Fleischlich, fleischlich, fleischlich, fleischlich...“

Na gut, jetzt sollte sich endlich einmal zeigen, was eine Anlage ist! Michael am Pult zog die Regler höher, höher und höher, bis von den alten Herren nichts mehr zu hören war. Wir brachten unser Lied zu Ende. Der Clou war noch der letzte Satz dieses Songs: „Was murren denn die Leute im Leben also? Ein jeglicher murre wider seine Sünde!“

Paff. Abschlussakkord im fortefortissimo. Das Lied war aus, die Bühne bebte, die Regler waren am Anschlag, die alten Männer heiser, wir fix und fertig. Hoch erhobenen Hauptes, aber nicht allzu langsam verließen wir die Bühne. Schließlich hatte ja Gott Bruder S. aus Düsseldorf gezeigt, dass... Aber es war dann auch unser letztes Lied an diesem Abend.

 

Walter Heidenreich

Da wir viel unterwegs sind, holen wir uns für die Arbeit im Wiedenhof Unterstützung. Walter Heidenreich aus Iserlohn, der dort nach unserem Vorbild auch eine „Freie christliche Jugendgemeinschaft“ samt Reha-Arbeit gegründet hatte, kommt mit einigen seiner Mitarbeiter nach Lüdenscheid. Später, am 1. April 1982, hat er dann offiziell die Leitung der FCJG Lüdenscheid übernommen (siehe unter „Bilder“ den Auszug aus dem Vereinsregister des Amtsgerichts Lüdenscheid).

In diesem Jahr (2016) feiert die FCJG ihr vierzigjähriges Bestehen. Unverständlicherweise wird in der FCJG-Jubiläumsausgabe von „Unser Weg“ (auch diese kleine Zeitschrift wurde damals von uns gegründet) die hier geschilderte Entstehungsgeschichte mit keinem Wort mehr erwähnt. Mehr noch: Als ich auf der Facebook-Seite der FCJG darauf aufmerksam machte, wurde mein Kommentar umgehend gelöscht und ich wurde dort gesperrt. Nach wie vor soll wohl der Eindruck erweckt werden, Walter Heidenreich hätte die FCJG gegründet. Schade. Der Leser dieser Zeilen weiß es besser.

 

Drittes Album: Heimkehr

Doch es fällt zunehmend schwerer, im Wiedenhof die Rehabilitations-Arbeit und alles, was mit EDEN und dem Tonstudio zu tun hat, unter einem Hut zu bringen. Als 1980 das letzte EDEN-Album „Heimkehr“ produziert wird, sind schon nicht mehr alle dabei. Michael und Anne Dierks haben sich bereits verabschiedet. Auf dieser Platte erscheinen hauptsächlich alte EDEN-Stücke aus den Jahren 1975 - 1977, darunter auch der erwähnte älteste EDEN-Titel „Die Klagelieder des Jeremia“. „Wer darf denn sagen, dass nicht Böses und Gutes komme aus dem Munde des Allerhöchsten?“ steht da in Klagelieder 3, 38. Ein allerletztes EDEN-Konzert in der alten Besetzung findet statt während der Christmas-Rock-Night am 19.12.1981 in Ennepetal. Und dieses Mal saß Armin wieder am Schlagzeug.

 

Musikertreff im Eden-Studio

Auch wenn es EDEN nun nicht mehr gab, das Studio lief weiter. Es wurde allerdings aus dem Wiedenhof ausgelagert. Man kann sich ja unschwer vorstellen, was für große Augen die Drogen-Rehabilitanden bekamen, wenn da irgendwelche Heavy-Metal-Musiker aus dem Ruhrgebiet anrückten, um mal eben ein Demo aufzunehmen. Ich mietete deshalb in Lüdenscheid-Hellersen ein ehemaliges Möbelhaus und baute es mit Hilfe von Freunden aus Siegen zum Tonstudio um.

Die christliche Musikszene war zu jener Zeit ja noch recht klein. Eines ihrer Zentren war damals schon Siegen, 50 km (südlich) von Lüdenscheid entfernt. Schon bald entstand eine enge Zusammenarbeit mit allen Musikern der ganzen Region, und fast alle heute bekannten älteren Musiker der Szene trafen sich im EDEN-Studio.

Dabei waren Helmut Jost mit seiner Gruppe Damaris Joy, Thomas Adam, Dieter Falk (heute Produzent von PUR, Jury-Mitgied bei „Popstars“), Johannes Nitsch († 2002 - Johnny, mein Freund, Du kriegst noch ein eigenes Kapitel!), Klaus und Hella Heizmann, Hans-Werner Scharnowski, Manfred Siebald, Lothar Kosse, Heike Barth, Beate Ling, Arno und Andreas, Werner Hucks, Don und Susie Newby und viele andere. Irgendwie war es eine Art „Gründerzeit“, alle lernten voneinander, die Nächte waren lang und der nächste Biergarten nicht weit entfernt. Und es gab jede Menge Sessions, in denen wir einfach zusammen Musik machten.


YAVANNA, Bilder aus Mittelerde

Nach dem Lesen der C.S.Lewis-Bücher tauchte ich ein in die faszinierende Welt Tolkiens und las endlich den „Herr der Ringe“. Ich glaube, ich habe diese Bücher vier oder fünfmal gelesen. Und danach endlich die Grundlage zu seiner Fantasiewelt: „Das Silmarillion“. Tolkien war als Sprachwissenschaftler Professor an der Oxford-Universität und hatte sich eine unglaubliche komplexe Welt (Mittelerde) selbst erfunden, inklusive eigener Sprache. Kein Wunder, dass diese Bücher heute wieder Hochkonjunktur haben und verfilmt wurden.

 Ich begann, zum Silmarillion einige Texte und dann die Musik zu schreiben, und so entstand von 1982 - 1984 das Album „Bilder aus Mittelerde“. Alle meine Musikerfreunde sind darauf zu hören, manche mit ihren (fast) ersten Tönen auf einer Studio-Aufnahme. Über einen Zeitraum von zwei Jahren spielten wir immer, wenn zwischen den Produktionen mal wieder etwas Zeit war, neue Passagen ein. Mit Dieter Falk, der damals in Köln Musik studierte, fuhr ich zur dortigen Hochschule, an der ich 1972/73 auch einige Semester verbracht hatte. Wir „sackten“ zwei Kleinbusse voll Streicher ein, die er organisiert hatte, fuhren zurück nach Lüdenscheid und nahmen sie für das YAVANNA-Album auf. Echte Streicher! Heute kaum noch zu bezahlen. Aber es machte Spaß. Am Steuer auf der Hinfahrt im Auto hörte ich stillschweigend zu, wie sie sich unterhielten. „Hehe, Popmusik, das pinseln wir runter wie nichts, so‘n Kappeskram...“ Was sie nicht wussten: Da ich selbst Violine spiele, hatte ich die Partitur arrangiert, und ich kann euch sagen, das Zeug war teilweise echt schwer zu spielen und alles andere als seichte Popmusik. Die haben dann ganz schön geschwitzt.

Warum eigentlich YAVANNA? Nun, EDEN gab es ja nicht mehr, und ich wollte keinen meiner früheren Mitmusiker vor den Kopf stoßen und weiter unter diesem Namen arbeiten (obwohl er meine Idee guess war). Und YAVANNA, fand ich, war ein wunderschöner aus Tolkiens Silmarillion, der zu dieser Musik passte. Nicht ganz einfach war es übrigens, diese Musik mit ihren allegorischen Silmarillion-Texten dem Verlag zu verkaufen. Als jemand im Verlag zum ersten Mal hörte: „Eru, der Eine, erschuf sich in Ardas Herz“, war der erste Kommentar im schönsten hessisch: „Ei, isch versteh ka Wott“. Aber es ist tatsächlich ein fast „legendäres“ Album geworden, eben auch wegen der Studiomusiker.

Mit der Fertigstellung des YAVANNA-Albums ging auch die Ära des EDEN-Studios zu Ende. Die Technik machte immer rasantere Fortschritte, und die nötigen Investitionen drohten eine Schraube ohne Ende zu werden. Ich verkaufte das komplette Studio an „Jugend mit einer Mission“ in Altensteig, bezahlte meine Schulden und war erst einmal nur noch Musiker.

 

Fortsetzung folgt...


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